aus heiterem Himmel ...

Dauer:
1. Mai bis 5. Juni 2016
Künstler:
Eröffnung:
Sonntag, 1. Mai 2016 - 15:00 Uhr
Pressemitteilung:

„Aus heiterem Himmel“ Malerei von Sigrid
Nienstedt

Kunstmühle Mürsbach, 1. Mai 2016

Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung

von Barbara Leicht M.A.

Eine Ausstellung mit außergewöhnliche
Inhalten, die die Malerin Sigrid Nienstedt hier präsentiert. Und tatsächlich
ist man vor Überraschungen „aus heiterem Himmel“ nicht gefeit. Ungewöhnlich, da
wir bei Tierbildern oftmals in die Schublade unserer Vorbehalte greifen und Motive gerne als wohnzimmertauglich aburteilen – der röhrende Hirsch. Nicht so bei Nienstedt, die mit ihren Tierportraits und intensiven Landschaften tiefere Bereiche unserer Wahrnehmung aufspürt.

Sigrid Nienstedt studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Ungezwungen malt sie Tiere und Landschaften im Wechsel, um dadurch stets wieder neue Energie für das jeweils andere Thema zu schöpfen und eine andere Intention zu verfolgen, wie sie selbst sagt. Nach Aufenthalten in Stuttgart, Essen und Köln lebt und arbeitet sie nun wieder in ihrer Geburtsstadt Krebeck in Niedersachsen und in Hamburg.

Das Thema Tiere interpretiert die Malerin auf ihre ganz eigene Art. Blickt man zurück in der Kunstgeschichte, so zeigen sich Tiere als Gefährten des Menschen oder aber als Träger einer ikonografischen Bedeutung  oder als Symbol, wie die Wesen, die die Evangelisten versinnbildlichen. Das Tierportrait war eine spätere Entwicklung in der europäischen Kunst. Es erschien parallel zu den Anfängen der Kuriositätenkabinette im ausgehenden 16. Jahrhundert, war zunächst Randthema des Stilllebens und des späteren Jagdstilleben des 17. Jahrhunderts.

Die empirische Erkundung der Schöpfung machte den Menschen neugierig und so fortentwickelte sich die Tiermalerei bis zum 19. Jh. Sie kennen gewiss die Portraits teurer Rennpferde oder aber Bilder von Tieren, die menschliche Charaktere nachstellten. Gottes Tiergarten interessierte das Bildungsbürgertum, das in Form von Zoologischen Gärten dort speziell dem exotischen Tier Raum gab, um den Duft der großen weiten Welt in Europas Städte zu holen, in einer Zeit wo nur den allerwenigsten Menschen das weite Reisen möglich war, nicht wie heute, wo wir überall in kürzester Zeit hingelangen können. Das Tier wurde für eine breitere Masse enger Gefährte. Dies schlug sich in mancherlei Portraits und Fotografien des geliebten Freundes nieder, wie auch heute noch mancher Tierbesitzer sich eine Erinnerung an seinen Hund, Katze etc. gönnt.

Das Feld des Tiermalers ist also über Jahrhunderte abgegrast. Sigrid Nienstedt weiß dies und hat sich aus ihrem Interesse an speziellen Kreaturen und ihrem Impetus eine eigene Schaffenswelt erarbeitet, die intensiv mit dem Verhältnis von Bild zu Betrachter umgeht. Sie liebt die Tiere und beobachtet sie gerne, ist fasziniert von deren freien Leben. Aus den anfänglichen Bildern von Reptilien entwickelten sich nach und nach dynamische Darstellungen von Säugetieren, wie zum Beispiel Hasen und Wiesel, die über die
Bildfläche hüpfen und springen, oder aber wie in dieser Schau Wölfe und Raben, sonst Großwild wie Löwen und Wisente, die sich kämpferisch zeigen.

Vor dem Hintergrund ihres Wissens über biblische Geschichten wie der Arche Noah, als Bild für die Errettung, oder Fabeln, Mythen und Märchen, in denen häufig das Tier Platzhalter für menschliches Handeln ist, generierte Sigrid Nienstedt einen eigenen Ausdruck, in dem sich weniger das Handeln des Menschen, als dessen emotionale Zustände und Befindlichkeiten in Form des Tiers zeigen.

Wir kennen Nienstedts Tiere. Aber: Nicht Wolf oder Löwe selbst,  sondern ihre archaische Idee springt uns aus den Bildern an. Die Malerin enthebt die Situationen ihres natürlichen Umfelds und konzentriert den Blick des Betrachters damit auf das Geschehen. Unsere eigene Erfahrung wird erweitert. Natürlich und das lässt die Künstlerin durchaus stehen, können uns die Werke einfach nur gefallen. Wild und ungebändigt und nicht konform und eher archaisch, das Tier
darf‘s,  der Mensch nicht so recht. Man ist erstaunt über manche Darstellungen, da sich Löwen, Wölfe, Wisente, alles starke und mächtige Wesen, nicht gerade friedlich auseinandersetzen. Ja, so ist sie nun mal die heutige Welt und sie war eigentlich schon immer so. „Der ewige Friede ist ein Traum und nicht einmal ein schöner“, Zitat Graf von Moltke, Soldat wider Willen.

Es geht letztlich ums Überleben und um den Kampf darum, den der Stärkere oder der Klügere gewinnen kann. Die Malerin will weniger die Darstellung von Aggressoren zeigen, als kämpfende Tiere in einer Momentaufnahme ihres existenziellen Agens.

Dennoch reicht dieser Inhalt nicht aus, um sich tatsächlich von andern Maler-Zeitgenossen abzusetzen: Das Tier ist im Falle von Nienstedts Portraits Stellvertreter von Befindlichkeiten und emotionalen Zuständen. Und in der Tat, manchmal möchte man wirklich die Zähne fletschen, wie der Panther in dieser Schau.

Sigrid Nienstedt malt keine Menschen, sie malt Tiere, sie malt Landschaften und Stadtlandschaften. Der Mensch ist eh omnipräsent und erscheint in Form seiner (Stadt-)Kultur am Rande der atmosphärisch aufgeladenen Motive. In dichter und manierierter Farbigkeit weisen ihre Werke auf den Bereich zwischen Neoimpressionismus und Neoromantik hin.

Auch in diesen Gemälden ist die Frage nach Existenz und Scheitern des Menschen immanent, aber durchaus auch das Erscheinen göttlicher Kraft und Unmittelbarkeit. Zwar meinen wir inmitten der Landschaften zu stehen, sind jedoch entrückt, da die extremen Lichtsituationen eine irreale Atmosphäre erzeugen. Wie kurz vor dem Gewitter entstehen violett getönte Himmelslichter, im schwefelgelben Nebel rollt eine Straße dahin, in der regennassen Großstadt irrlichtern die Lampen und es erscheinen halluzinatorische Silhouetten. Diese Anmutungen von Stadt und Landschaften existieren zwar realiter, Sigrid Nienstedt verleiht der Realität jedoch durch ihr eigenes inneres Bild eine Metaebene, in der die Landschaft sich als Archetypus zu erkennen gibt.

Und gleichgültig, wie das Werk betitelt ist, holt sich die Künstlerin den Betrachter wiederum durch dessen Erinnerungsvermögen in ihren malerischen Kosmos hinein, in dem sie mit Urängsten berührt. Seit je können wir – selbst in unserer hochtechnoiden Welt – die Urgewalten nicht beherrschen und sind ihnen bald schutzlos ausgeliefert, wie Erdrutsche, Überschwemmungen, Stürme und Tsunamis dies in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen. – Der Mensch, ein machtloses und unbedeutendes Wesen.

Nienstedt ist interessiert an den Extremen unserer archaischen Emotionen und setzt an der Malerei von Caspar David Friedrich über William Turner bis Edward Hopper an.

Besonders ihr Kolorit ist der Auslöser für rritationen, Unsicherheiten und Widersprüche, was sie künstlerisch subtil und malerisch virtuos umzusetzen weiß. Sie forscht nach den Möglichkeiten, die der Grenzbereich von Naturalismus und ihrer Imaginationskraft im wie sie sagt „geduldigen und dehnbaren“ Thema Landschaft hergibt. Ihre Farbpalette und ihr Vermögen damit
Phänomene wie Licht und Atmosphäre in feinabgestimmten Valeurs zu verkörperlichen und das plastisch zu gestalten, was sonst keine Plastizität vorweist, ist ihr Ziel.

Ob nun in den fesselnden, naturalistischen Bildern der Tiere oder den intensiven Farben der Landschaften: Sigrid Nienstedt vermag es als traditionelle Malerin mit gewohnten Bildern Ungewohntes auszudrücken. Wir sind irritiert, überrascht, kennen und meinen zu wissen. Dieser schmale Grat an Unsicherheit ist es, den die Künstlerin auslotet und dabei subtil auf unsere Wahrnehmung Einfluss nimmt.


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